Die Ergebnisse des Forschungsprojektes
"Untersuchungen zur Ökologie urbaner Waschbär-Vorkommen am Beispiel der Stadt Kassel"

Foto: I. Bartussek
  
Wie wurde in Kassel geforscht?
 
Wieviele Waschbären leben in Kassel?
 
Wo schlafen die Stadtbären?
 
Wie kommen die Stadtbären in die Häuser?
 
Wie groß sind die Aktionsräume der Stadtbären?
 
Sind die Kasseler Waschbären Pendler oder echte Städter?
 
Sind Waschbären Einzelgänger?
 
Wurde der Waschbär-Spulwurm nachgewiesen?

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Hier bekommen Sie den Artikel von
F.-U. MICHLER: “Waschbären im Stadtgebiet”
(Wildbiologie 2/2004, Wildbiologie International 5/12, Zürich, 16 S.)

Wie wurde in Kassel geforscht?

In den Jahren 2001 und 2002 wurde ein Forschungsprojekt zur Ökologie der Stadtwaschbären von Kassel durchgeführt. Unter der Leitung von Dr. Ulf Hohmann, Sonja Ludwig und Stefanie Voigt von der Gesellschaft für Wildökologie und Naturschutz e.V. (GWN) und mit Unterstützung des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Landwirtschaft und Forsten, des Regierungspräsidiums Kassel, der Stadt Kassel und zahlreicher Sponsoren machten sich vier Biologiestudenten für ihre Diplomarbeiten an die wissenschaftliche Arbeit. Es waren:
Ellie Gunesch (Zentrum für Naturschutz der Universität Göttingen)
Sascha Ljubisavljevic (Zoologisches Institut der Universität Göttingen)
Frank-Uwe Michler (Zoologisches Institut der Universität Halle-Wittenberg)
Daniela Sczesny (Lehrstuhl für Verhaltensforschung der Universität Bielefeld)

Das Untersuchungsgebiet liegt in den Stadtteilen Kassel-Harleshausen und Kassel-Kirchditmold. Im Westen grenzt es an den Habichtswald, im Osten schließt sich die Stadtmitte an.
Es wurden vier jeweils achttägige Fangaktionen durchgeführt. Während der ersten beiden Fangaktionen wurden 54 Kasten-Lebendfallen auf einer Fläche von 300 ha verteilt. Für die dritte und vierte Fangaktion wurde die Fallendichte erhöht: Im nordöstlichen Teil des Untersuchungsgebietes wurden 30 Fallen auf 30 ha aufgestellt.
Als Köder wurde Trockenfutter für Katzen verwendet. Im gesamten Zeitraum vom
30. Juni 2001 bis zum 4. Oktober 2001 wurden 1792 Fallenkontrollen durchgeführt.
Die Populationsgröße wurde mit Hilfe der Fang-Wiederfang-Methode geschätzt.
Außerdem wurden 17 Waschbären mit Halsbandsendern ausgestattet. So konnten ihre Tages-Schlafplätze und ihre nächtlichen Aktivitäten dokumentiert werden. Sie bewegten sich über eine Fläche von 2200 ha (2,2 km²). Am Ende standen insgesamt 2785 Lokalisationen, davon 1674 Nacht- und 1111 Taglokalisationen für die Berechnungen zur Verfügung.
Kotproben aus den Fallen und gefundenen Latrinen wurden auf Befall mit Eiern des Waschbärspulwurmes hin untersucht.

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Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze:

Wieviele Waschbären leben in Kassel?

Die Forschungen in Kassel-Harleshausen und Kassel-Kirchditmold haben ergeben, dass im Untersuchungsgebiet auf jedem Quadratkilometer knapp 50 erwachsene Waschbären leben. Zusammen mit den Jungtieren ist die Zahl im Sommer und Herbst fast doppelt so groß. Im gesamten Nordwesten von Kassel müssten es dann etwa tausend Tiere sein.

Was das Angebot an Nahrung, Schlaf- und Wurfplätzen angeht, stellt das Untersuchungsgebiet für Waschbären offensichtlich einen optimal ausgestatteten Lebensraum dar: Das Waschbären-Schlaraffenland!

Grafik: I. Bartussek
Etwa 150 erwachsene Waschbären leben auf der ca. drei Quadratkilometer (300 ha) großen Fläche des untersuchten Gebietes. Im westlichen, waldnahen und meist mit Einfamilienhäusern bebauten Bereich leben mehr Waschbären als im östlichen, innerstädtischen.

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Wo schlafen die Stadtbären?

70% aller Schlafplätze der Tiere, die in diesem Gebiet gefangen und mit einem Sender versehen wurden, liegen im Stadtgebiet. Von allen Schlafplätzen befinden sich 43% in Gebäuden, 39% auf Bäumen, besonders in solchen mit Höhlen,
11% in Verstecken am Boden, 3% in Erdbauen und 3% in der Kanalisation.
Mütter mit Jungen und männliche Waschbären bevorzugen die Gebäude, während junge Fähen den Tag lieber in einem Baum verbringen. Es gibt, wie auch draußen im Wald, ein paar Schlafplätze, die sehr häufig und von vielen Waschbären angelaufen werden: Regelrechte Treffpunkte. Auch diese befinden sich bevorzugt in bewohnten oder unbewohnten Gebäuden.

Grafik: Michler/Bartussek
Die Nutzungshäufigkeiten von sechs verschiedenen Schlafplatz-Kategorien. Hierfür wurden die Daten
von allen siebzehn telemetrierten Waschbären und 1111 Registrierungen ausgewertet.

Alle Waschbären wechseln ihren Schlafplatz fast täglich. Nur während der kalten Jahreszeit machen sie diesbezüglich Ausnahmen. Auch Muttertiere ziehen während der ersten beiden Monate der Jungenaufzucht normalerweise nur nach Störungen um.

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Wie kommen die Stadtbären in die Häuser?

Als Aufstiegsmöglichkeit auf das Dach eines Gebäudes wird meistens das Fallrohr der Regenrinne benutzt oder der Weg führt über angrenzende Bäume, Efeubewuchs oder Holzbalken. Kleine Öffnungen oder Schwachstellen wie verschobene Dachziegel, die Bleieinfassung des Schornsteines etc. werden dann genutzt und z.T. aktiv geöffnet oder vergrößert, um auf den Dachboden, in Dachkästen oder Zwischendecken zu kommen. Oder aber es geht direkt in den Schornstein.

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Wie groß sind die Aktionsräume der Stadtbären?

Die Kasseler Rüden belaufen im Durchschnitt eine Fläche von 210 ha. Die Stadt-Waschbären benötigen somit zum Überleben wesentlich weniger Fläche als die Kollegen im Wald: Die Waschbären im Solling (ca. 50km nördlich) nutzen Gebiete, die bis zu 10 mal größer sind! Die Aktionsräume der Stadt-Fähen sind im Mittel nur 36 ha groß. Einige weibliche Tiere nutzen nur einen einzigen Straßenzug und halten sich in einer Nacht manchmal in nur einem einzigen Garten auf.
Der Rüde mit der Nummer 3008 hatte den größten Aktionsraum aller untersuchten Waschbären: 613 ha. Charakteristisch für sein Streifgebiet waren großflächige Gleisbereiche der Deutschen Bahn, die er als regelrechte Leitstrukturen während der Nachtaktivität nutzte, um dann Gebiete abseits der Geleise zu belaufen. Auch die zahlreichen Kanäle und Bäche in seinem Aktionsraum wurden als solche Leitstrukturen für eine schnelle und sichere Fortbewegung genutzt. Der Waschbär belief zwar auch fast vollständig versiegelte Neubaugebiete (Rotlichtviertel am Hauptbahnhof), in der Mehrzahl der Fälle wurde er jedoch in folgenden Gebieten lokalisiert: Friedhöfe, Gartenanlagen, Gewerbe- und Fabrikgelände, Gleisbereiche, Parkanlagen, Sportplätze, Klinikanlagen und Einfamilienhaussiedlungen. Der Rüde 3008 stellte einen Sonderfall unter den untersuchten Tieren dar, demonstrierte damit aber die Möglichkeiten der Waschbären zu außerordentlich opportunistischen Flächennutzungen.
Auch der kleinste Aktionsraum aller untersuchten Waschbären wurde von einem Stadtrüden genutzt. Das Aktionsgebiet des Rüden mit der Nummer 3004 beschränkte sich auf 20 ha direkt am westlichen Stadtrand von Kassel in einem ruhigen Wohngebiet mit Einfamilienhauscharakter.
Fähen mit Nachwuchs und Rüden ziehen während ihrer nächtlichen Streifzüge die Gärten anderen Stadtbereichen deutlich vor. Nicht-führende Fähen halten sich etwa zu gleichen Teilen auch im Wald und auf Wiesen auf.

Grafik: Michler/Bartussek
Saisonale Aktionsräume einer Stadtfähe: Sommer - Herbst - Winter
Während der Wintermonate belief sie nur wenige Grundstücke in einer ruhigen Einfamilienhaussiedlung und hatte mit 0,9 ha den kleinsten überhaupt festgestellten saisonalen Aktionsraum. Alle weiblichen Waschbären nutzten die größten Flächen im Sommer und verkleinerten ihre Aktionsräume über den Herbst bis zum Winter.

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Sind die Kasseler Waschbären Pendler oder echte Städter?

Entweder oder! Im Laufe der Untersuchungen stellte sich heraus, dass einige Waschbären fast ausschließlich die Stadt als Lebensraum nutzten, andere dagegen nur nachts in den Siedlungsraum kamen, ihre Schlafplätze aber in der Regel im angrenzenden Habichtswald lagen. Die Tiere ließen sich eindeutig in reine »Städter« und in »Pendler« einteilen. Die Schlafplätze der »Städter« lagen zu mehr als 85% in der Stadt und in über 70% der Fälle in einem Gebäude. Die »Pendler« schliefen zu mehr als 85% außerhalb der Stadt und wurden am Tage zu 77% auf bzw. in Bäumen angetroffen.

Nur ein einziges Tier ließ sich nicht eindeutig zuordnen, weil es seine Angewohnheiten im Laufe der Untersuchung änderte: Der Rüde 3002 kehrte der Stadt den Rücken und zog hinaus in den Wald!

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Sind Waschbären Einzelgänger?

Nein. Im Untersuchungsgebiet überlappen sich die Aktionsräume zahlreicher Waschbären auf engstem Raum. Die Sozialstruktur gleicht trotzdem der in den wesentlich dünner besiedelten Waldgebieten:

  • Auch dort überlappen die Aktionsräume.
  • Die im Gebiet lebenden Weibchen sind meist relativ eng verwandt und unterhalten untereinander lockere Beziehungen.
  • Die männlichen Tiere sind nicht näher miteinander verwandt und schließen sich zu kooperierenden Teams zusammen.
  • Auch in Kassel konnte die Existenz einer solchen "kooperativen Gemeinschaft" zwischen drei Rüden mit engen räumlichen und sozialen Beziehungen nachgewiesen werden. Wahrscheinlich verbessern diese engen Bindungen für jeden einzelnen Rüden die Chancen zur Fortpflanzung.

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    Wurde der Waschbär-Spulwurm nachgewiesen?

    Ja. In der Hälfte aller untersuchten Kotproben aus den Fallen und in zwei Dritteln der Latrinen wurden Eier des Waschbärspulwurmes gefunden.


     

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